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TEXTE ERIKA PLUHAR PDF -  2017 Jahrhundertlied PDF -  2017 Mehr denn je PDF -  Aufruf zur Gelassenheit 2016 PDF - "Festrede" Wirtschafts-Universität Wien 5.12.2014 PDF - “TROTZDEM”  PDF - “UDO" CLUB 2 VOM 17.03.2010 PDF - BUCHPRÄSENTATION ACHIM BENNING   PDF - VERLEIHUNG DES EHRENPREISES     PDF - KULTUR - MACHT - MENSCH     PDF - REDE VON ANDRÈ HELLER                                       PDF - THEATER TRIFFT TROTZDEM (einleitender Vortrag zur Lesung am 17. Juni in Salzburg, St. Virgil, anlässlich des Kongresses zum 100. Geburtstag von Viktor Frankl – „DEM SINN LEBEN GEBEN“.) Ich beginne mit einem Zitat: „Im Erfüllen von Sinn verwirklicht der Mensch sich selbst. Erfüllen wir nun den Sinn von Leiden, so verwirklichen wir das Menschlichste im Menschen, wir reifen, wir wachsen, wir wachsen über uns selbst hinaus. Gerade dort, wo wir insofern hilflos und hoffnungslos sind, als wir eine Situation nicht ändern können – gerade dort sind wir aufgerufen und ist uns abverlangt, uns selbst zu ändern.“ Das sind Sätze von Viktor Frankl, vielen von Ihnen sicher wohlbekannt, die mich trafen, als ich mich selbst zutiefst in einer dieser Situationen befand. Wir sind ja hier zusammengekommen, weil Viktor Frankl in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre, und sein Name, sein „Trotzdem ja zum Leben sagen“ steht quasi hinter mir, wenn ich heute vor Ihnen stehe. Aber ich werde mich den vielen Veranstaltungen, Vorträgen, Dikussionen und Analysen zu seiner Person nicht anschließen, sondern bei meinen eigenen Überlegungen zum Begriff TROTZDEM bleiben, der seit frühen Jahren auf eine völlig eigenständige, in mir selbst entstandene Weise für mich lebens-notwendig geworden ist. Es gibt im Repertoire meiner eigenen Liedtexte nicht nur ein Trotzdem-Lied, das erste schrieb ich als noch nicht Vierzigjährige, ehe ich damals meine erste Schallplatte aufnehmen durfte, auf der ich nicht nur Interpretin war, sondern auch Texterin all der von mir gesungenen Lieder. Mein erstes „Trotzdem-Lied“ also, von mir kämpferisch gemeint, damals, und von Toni Stricker auch auf kämpferische Weise vertont, lautete so: „Schau dir das hingespuckte Stück Leben an vom Geborenwerden bis hin zu einem Tod Wie das nur wehtut und uns quält und so müde macht die Suche nach dem Glück Trotzdem kämpfen wir Trotzdem glauben wir Trotzdem lieben wir... Trotzdem! Schau dir all die verbrauchten Gesichter an die sich selbst verloren haben vor der Zeit und wie man sie gebrochen hat mit System nur weil die Angst so sehr gefügig macht Trotzdem ..... Schau dir den Baum vor deinem Fenster an seine Blätter im Regen, seine Blätter im Lichtwie er sich aufrecht hält wie ein Wort und nicht schweigen will, bis man ihn fällt Trotzdem .... Ich glaubte damals an das aufrechte Wort aller denkenden Menschen – glaubte daran, daß nur böse politische Systeme uns Menschen korrumpieren - und ich glaubte damals auch noch daran, daß diese ermüdende Suche nach dem Glück uns auch irgendeinmal Glück finden läßt. (Jetzt weiß ich, daß es nicht darum geht, Glück zu suchen, sondern etwas, weswegen wir glücklich sein können – ein tiefgreifender Unterschied...) Mein kämpferisches TROTZDEM damals entstand aus ersten politischen Ahnungen, die keinem fundierten politischen Wissen entsprangen, aus ersten menschlichen Enttäuschungen, die mir die Hoffnung noch nicht getrübt und Illusionen noch nicht zerstört hatten, aus einem ersten kritischen Zweifel, der jedoch meinen Glauben an den Sieg der gerechten Wahrheit noch nicht ins Wanken gebracht hatte. Hierzulande und in der damaligen DDR schmetterte ich dieses Lied von den Bühnen herab, fest davon überzeugt, Menschen von diesem TROTZDEM überzeugen zu können. Aber das Lied befand sich auf einer Schallplatte, der ich den Titel NARBEN gegeben hatte, und auf dem Cover standen, von meiner Hand geschrieben, folgende Zeilen: Die Angst vor dem Verlust ist es nicht vor dem Verlorenen Die Angst vor dem Sterben ist es nicht vor dem Tod Der Schnitt schmerzt Die Wunde ist zu ertragen wird Narbe - unverlierbar ein Schriftzug Mir will jetzt scheinen, als hätte ich dadurch, auf seltsame Weise ahnungsvoll vorausschauend, schon damals meinem TROTZDEM eine andere und tiefere Dimension gegeben. Nämlich die, Verlust und Leid zu ertragen. Einen geliebten Menschen hatte ich damals schon durch Selbstmord verlieren müssen, und die Brüchigkeit einer „öffentlichen“ Existenz, wenn sie sich nicht mit Verantwortlichkeit verbindet, war mir damals grade zum ersten Mal bewußt geworden. Ich war anfängerhaft dabei, die Abschiede zu erlernen. Diejenigen, die der Tod uns zufügt, aber auch die des Liebesverlustes und des Alterns. Noch keine vierzig, konfrontierte ich mich bereits damit, daß alles sterben muß, der Mensch, die Liebe, auch die eigene Jugend. Und damals entstand der Liedtext „Was heißt es nur, ich werde alt...“ Und zu meinem inneren Halt wurde dieses TROTZDEM : eben trotzdem zu leben, trotzdem zu lieben, sich trotzdem nicht aufzugeben. Wie sehr, wie bis zum äußersten ich diesen Halt eines Tages brauchen und für wahr und wirksam befinden würdemüssen, konnte ich damals freilich noch nicht ahnen. Es kommt der Tag - und ich frage mich, ob nicht im Leben eines jeden Menschen - an dem diese schlichten und gewissermaßen ewigen Sätze in einem entstehen, Sätze, die wieder und wieder von Menschen gesagt und gedacht wurden und werden, die elementar menschlich sind wie der Aufschrei Jesu Christi: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ Sie lauten: Ich bin des Lebens müde. Ich fühle mich am Ende meiner Kraft. Ich weiß mir nicht mehr zu helfen. Ich kann nicht mehr. Ich gebe auf. Wer kennt ihn nicht, diesen Schrei unserer Seele. Wenn ein Schmerz uns töten möchte. Oder nachdem man vielleicht zu lange versucht hat, Lebensmühe oder Leid zu übertönen oder wegzudrängen. Wenn unser Lebensende uns unausweichlich vor Augen steht. Wenn wir den Verlust eines geliebten Menschen ertragen müssen. Wenn wir leben, ohne uns blind und taub zu stellen, sondern im vollen Bewußtsein von Abschied, Trauer, Vergänglichkeit. Das TROTZDEM in sich entstehen zu lassen, bedeutet kein Entrinnen, keine Schmerzminderung, kein neues oder anderes Lebensbild. Kein helles, heilendes, tröstendes Ziel wird dadurch prognostiziert. TROTZDEM bedeutet nur, standzuhalten. Das Weiterleben auf sich zu nehmen. Den nächsten Schritt zu tun. Und dieses „nur“ ist letztlich alles. Weil es uns das Wissen von Leben und die Befähigung für das Leben zurückgibt. Erika Pluhar, Mai/Juni 2005